Wälderwärts

zu den skulpturalen Arbeiten von Ulrike Mohr

Ulrike Mohr ist eine forschende Künstlerin. Für ihre Werke recherchiert sie vor Ort, erkundet Landschaften zu Fuß oder mithilfe von Kartografie. Innerhalb eines solchen von ihr abgesteckten Handlungsraums erfolgt anschließend eine künstlerische Intervention. Auf diese Weise begann auch ihre Vorbereitung für die Ausstellung Wälderwärts in der Jungen Kunst. Die Künstlerin studierte sowohl die direkte Umgebung des Ausstellungsraums, als auch die Geschichte von Wolfsburg. Die Stadt wurde aufgrund ihrer Fahrzeugindustrie 1938 unter dem Namen Stadt des KdF Wagens bei Fallersleben gegründet. Wolfsburgs Bedeutung als Automobilstandort stand bei Ulrike Mohr jedoch nicht im Vordergrund ihrer Untersuchungen. Vielmehr war es die Natur vor Ort und insbesondere ein geologischer Fund, der ihre Aufmerksamkeit erregte und dessen Vergangenheit wesentlich weiter zurückreicht: ein über 4500-jähriger Opferstein. Er befindet sich auf einem Waldweg im Hattorfer Holz von Detmerode, einem Stadtteil im Süden Wolfsburgs. Seine Oberfläche ist mit über hundert eingemeißelten Schälchen bedeckt. Archäologen vermuten, dass ihn Anhänger eines südschwedischen Sonnen- und Totenkults bei Anlässen wie Geburt oder Tod eines Sippenmitgliedes für ihre Rituale nutzten./1 Der 1985 entdeckte Felsbrocken befindet sich neben den Resten einer Großgrabanlage, die bei Aufforstungsarbeiten Anfang des 20. Jahrhunderts zerstört wurde./2
Ulrike Mohr wanderte „wälderwärts“, um diesen wenig bekannten Fund aus der Kupfersteinzeit aufzusuchen. Eine genaue Kartierung lag nicht vor, so dass die Künstlerin letztlich mithilfe einiger Wolfsburger Bürger den Granitblock ausfindig machte, ihn von Laub und Erde befreite und anschließend reinigte. Für die Arbeit Geotop begibt sich Mohr nun abermals in den Wolfsburger Wald und entnimmt dort ein Geschiebe (so nennt man einen Findling unter 1 m3). Sie säubert den Stein und versieht ihn mit kleinen Aushöhlungen. Auf diese Weise wiederholt die Künstlerin den antiken Bearbeitungsprozess mit den heute zur Verfügung stehenden maschinellen Mitteln. Die Flüssigkeit in den Schalen simuliert das sich im Opferstein sammelnde Regenwasser und bildet wie dieses spiegelnde Oberflächen, in denen der Umraum reflektiert wird. Durch die Positionierung des Findlings in den Ausstellungsraum zitiert Mohr exemplarisch ein Stück Natur- und Kulturgeschichte. Sie dekonstruiert einen vorgeschichtlichen Kultort und rüttelt so an den Konstanten, welche die Wolfsburger Landschaft definieren. Gleichzeitig macht sie auf das historische Relikt und die Geschichte der Region aufmerksam, die weit älter ist, als gemeinhin angenommen.

Mohrs zweites Exponat Welt-Kataster besteht aus einem mit weißem Papier bedecktem Tisch, auf dem sich verschiedene geometrische Objekte aus Holzkohle unterschiedlicher Form und Größe befinden. Welt-Kataster ist die Fortsetzung einer Reihe von Arbeiten mit diesem Werkstoff, die sie in den letzten Jahren produziert hat. 2008 verknüpfte sie in einer Ausstellung handelsübliche Zeichenkohle von unterschiedlicher Länge zu einem „Ast“, der eine Verbindung zum Ursprungsmaterial Weidenholz suggerierte. Begleitend köhlerte die Künstlerin in einem selbstgebauten Ofen Holz, das sie zuvor in der Nähe des Ausstellungsraums in Berlin-Wedding gesammelt hatte. Das dafür nötige Wasser stammte aus dem Brunnen des Gebäudes./3
Wie bei der Steinbildhauerei bedient sich Mohr auch mit der Köhlerei einer althergebrachten Technik. Seit der Eisenzeit werden, vor allem zur Eisenverhüttung, aber auch für die Glasherstellung und die Verarbeitung von Edelmetallen hohe Temperaturen benötigt. Von je her benutzte man dafür Holzkohle. Mit der verstärkten Nutzung von Steinkohle ab dem 18. Jahrhundert ging die Köhlerei zurück. Heute ist sie praktisch ein ausgestorbenes Handwerk./4

Doch hat die Köhlerei jüngst wieder erhöhte Aufmerksamkeit erhalten. Wissenschaftler haben kürzlich herausgefunden, dass durch das Eingraben von Kohle in die Erde, Kohlendioxid gebunden werden kann./5
Dies wäre eine ökologisch verträgliche Möglichkeit, den CO2-Ausstoß auf der Welt zu reduzieren. Derzeit werden Methoden entwickelt, Holz in riesigen Mikrowellen zu backen und die dadurch entstandene so genannte „Biokohle“ zu vergraben. Die Kohle würde zudem die Erde fruchtbarer machen. Führenden Klimaforschern zufolge könnten so Milliarden Tonnen CO2 der Atmosphäre entnommen und auf lange Sicht gegen die Erderwärmung angekämpft werden. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, diesen Prozess in großem Stil weltweit anzuwenden und auf dem Kohlemarkt das Eingraben profitabler zu machen als das Verbrennen./6
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Kohlenstoffverbindungen, welche die molekulare Grundlage allen irdischen Lebens bilden, letztlich zu deren Zerstörung beitragen. Ulrike Mohr interessiert vor diesem Hintergrund vor allem die ökologische Idee der Weltverbesserung: Wieviele geköhlerte Pflanzen wären nötig, um der Natur, dem Menschen nachhaltig etwas Gutes zu tun? Fest steht, dass es sich um eine ganze Menge handeln würde. In diesem Sinne greift auch der Titel Welt-Kataster, der Bezug nimmt auf eine globale Bemessung von Flurstücken. Das catasta steht jedoch auch für den Stapel bzw. die Menge, die sich in den zahlreichen „stapelbaren“ Kohleobjekten wieder finden. In Wolfsburg, einem Ort der Massenproduktion des Automobils, das nicht unwesentlich zu der akuten prekären ökologischen Lage der Welt beigetragen hat, erhält das Thema besonderes Gewicht. Mohr erhebt die Kohle zur Kunst und verhindert damit symbolisch, dass sie verfeuert wird und in den umweltschädlichen Kreislauf Einzug erhält. Daher hat sie bewusst die käufliche Kohle der selbst produzierten vorgezogen. Jene, die somit eigentlich zum Verfeuern vorgesehen ist, wird hier behutsam zerteilt und mit Schleifpapier zu geometrischen Formen geschliffen. Aus der Distanz betrachtet wirken die Objekte auf dem weißen Untergrund wie ein abstraktes dreidimensionales Bild. Form und Anordnung lassen Reminiszenzen an Architektur in Stadtmodellen zu. Die kleinen Kuben und Quader erinnern ferner an abstrakte Figuren von Brettspielen wie Carcassonne oder Die Siedler von Catan bei denen es darum geht, bestimmte Landteile strategisch für sich zu erobern und Rohstoffe zu erhalten. Die Geschichte von Stein und Kohle liegt in den Sedimenten der Erdschicht. Der Findling entsteht durch die Gesteinsverschiebung innerhalb der Erde, die Holzkohle wiederum durch jahrhundertelange Karbonisierung von Pflanzenresten. Beide haben ihren Ursprung im Wald. Während der Felsbrocken dort gefunden wurde, dient das Gehölz als Basismaterial für den Köhlereivorgang. Mit anthropologischem Blick stellt Ulrike Mohr somit nicht zuletzt Fragen nach der kulturellen und archäologischen Bedeutung von Wäldern. Durch das Einbringen von Stein und Kohle in den Ausstellungskontext ruft die Künstlerin Erinnerungen an längst vergessene Zeiten wach, wobei der Bezug zur Gegenwart – der Ort Wolfsburg und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse – eine entscheidende Rolle spielen. Dabei wird den Oberflächen beider Arbeiten eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Das sorgfältige Reinigen und der veredelnde Feinschliff lassen den Stein und die Kohleobjekte in neuem Glanz erstrahlen. Durch die sensiblen Eingriffe in das Gefundene macht Ulrike Mohr sichtbar, was sonst im Verborgenen bleiben würde.

Susanne Köhler, 2010

/1 Seither gilt Wolfsburg als südlichste Verbreitungsregion dieses Kultes. Zuvor vermutete man Uelzen als südlichsten Punkt. Es ist unklar, wie diese Religion in den Landstrich kam. Es wird angenommen, dass Siedler sie aus ihrer Heimat brachten oder Reisende diesen Glauben einführten.

/2 Vgl. Andreas Stolz, Opferstein soll jetzt geschützt werden, in: RZ Gifhorn-Wolfsburg, 27. Juli 1992.

/3 Die Ausstellung trug den Titel In Form eines langen Streifens, 2008 und fand im Projektraum Cluster statt.

/4 Der Europäische Köhlerverein in Sosa (Sachsen) hat sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, historische Meilerstätten zu kartieren. Ihre Erkennungsmerkmale sind vom Hang abgetragene, planierte, kreisrunde Meilerplätze mit einem Durchmesser von ca. 8 bis 10 Meter. In der Regel wurden die Meiler in Wäldern an windgeschützten Stellen in Wassernähe angelegt. Einige tausend sind durch Wegebau, forstwirtschaftliche Maßnahmen oder durch Jahrhunderte der Rodung zu Siedlungszwecken und landwirtschaftlicher Nutzung unnachweisbar. Nur durch die Kartierung und Registrierung der heutigen Standorte kann die geografische Lage dieser Plätze für die Nachwelt erhalten werden. Siehe auch http://www.europkoehler.com/pdf/Tafel_3b.pdf

/5Kohlenstoffdioxid bzw. Kohlendioxid ist eine chemische Verbindung aus Kohlenstoff und Sauerstoff (CO2). Es ist ein farb- und geruchloses Gas und natürlicher Bestandteil der Luft. Es entsteht im Organismus von Lebewesen als Produkt der Zellatmung, wobei es dabei über den Atem abgegeben wird. Technisch entsteht Kohlendioxid bei der vollständigen Verbrennung von kohlenstoffhaltigen Substanzen unter ausreichendem Sauerstoff, beispielsweise durch Verbrennen von Koks oder als Nebenprodukt beim Kalkbrennen. Seit Jahrzehnten, vor allem durch das Kyoto-Protoll von 1997, haben sich Industriestaaten darauf verständigt, ihre CO2-Emissionen von Industrie, Verkehr und Landwirtschaft zu drosseln.

/6 siehe http://www.guardian.co.uk/environment/2009/mar/13/charcoal-carbon
Auf der jüngsten Weltklimakonferenz im Dezember 2009 war die Erderwärmung durch überhöhten CO2-Ausstoß zentrales Thema. Die Nationen haben jedoch keine verbindliche Regelung zur Reduktion des Kohlendioxids treffen können.