Neue Nachbarn

Hinter den Normen liegt das abwegig Schöne, das unbeachtet andere. Ulrike Mohr ist Expertin für Perspektivverschiebungen und bekannt dafür, gesellschaftliche Regeln ins Absurde zu überführen. In ihren temporären Eingriffen begeht, vermisst und untersucht sie urbane Situationen.
In mehreren Projekten galt die Aufmerksamkeit der Künstlerin dem leer stehenden Palast der Republik, einst architektonisches Symbol der DDR mit einem einzigartigen Politainment-Konzept, in dem viele Jahre lang Volkskammer und Freizeiteinrichtungen unter ein und demselben Dach koexistierten. Vor dem schrittweisen Abriss 2006 lag schließlich die künstlerische Zwischennutzung der Palastruine, und das Entstehen von Wildwuchs auf dem Dach fern der Beobachtung wurde möglich, ein Phänomen, das bei Mohr auf großes Interesse stieß. Ihre Fotografien zeigen die teilweise ineinandergewachsenen Bäume, die der von Rissen durchzogenen Dachlandschaft aus Beton, Bitumen und Teerflicken ihre Existenz abgerungen haben.
Die Pflanzengemeinschaft aus Schwarzpappel, Weide und Birke hat die Künstlerin 2006 in der Aktion Restgrün zusammen mit Bauarbeitern ausgegraben, um sie zwei Jahre später als Beitrag zu der Ausstellung Spekulationen im Skulpturenpark Berlin_Zentrum in originalgetreuer Anordnung wieder einzupflanzen. Obgleich die Palastbäume hier Fremde sind, fügen sie sich unauffällig in das neue Biotop – die Brache des ehemaligen Mauerstreifens – ein. Lediglich die im Boden steckenden Schilder geben Auskunft über ihre botanische Klassifizierung und ihre Herkunft in dieser Intervention Mohrs mit dem treffenden Titel Neue Nachbarn.
Mohrs Beitrag zur 5. berlin biennale besteht in einer Erweiterung dieses Projekts: Sie wurde eingeladen, die Bäume im Anschluss an ihre Spekulationen-Teilnahme für die Laufzeit der Biennale ein weiteres Mal zu verpflanzen, diesmal auf das Dach der Neuen Nationalgalerie. Dieses Vorhaben erwies sich allerdings als undurchführbar. So verbleiben die Bäume im Freien, während die unrealisierten Pläne der Künstlerin im Museum präsentiert werden – als ein Hinweis auf etwas, was hätte sein können.

Petra Reichensperger, 2008